Pandemai

Jetzt habe ich schon lange nichts mehr von mir berichtet. Wobei: Worte liegen mir immer parat, in der letzter Zeit hatten sie nur neue Formen ausprobiert; deswegen nahm ich auch beim ‚diesmaiigen‘ lyrimo nicht teil.

Was ist denn so passiert in dem real life, das sich hinter diesem blog abspielt?

Der Pandemai ist vorbei. Ein Monat mit Verbesserungen und Lockerungen – ein Monat, der so tut, als brächte er den Anfang vom Ende der Pandemie. Die Frage „who knows?“ schleicht sich trotzdem ein.

In Italien war gestern Feiertag. Genau vor einem Jahr waren wir das erste Mal, nach dem ersten Lockdown auf Familienausflug. So auch dieses Jahr. Ein weiterer Ausflug, nach einem weiteren Lockdown. Letztes Jahr ist die befreundete Familie nicht mit uns mit, aus Angst. Dieses Jahr haben wir uns mit ihr in Mailand getroffen und sassen dann noch bei ihnen am Abend auf eine Pizza und Ananastarte zusammen. In Milano waren wir touristisch unterwegs und besichtigten drei Kirchen:  San Bernardino alle Ossa, nicht weit vom Dom gelegen, mit seiner ‚Knochengruft‘, es folgte Santa Maria presso San Satiro mir ihrer sog. Scheinarchitektur und abschliessend di basilica di Sant’Eustorgio mit seinem interessanten Kirchturm und dem Reliquienschrein der Heiligen Drei Könige.

Der Pandemai, ich nehme jetzt einen Ausdruck, den eine Freundin benutzt hatte, war „menschengefüllt“: Ich war zu Muttertag in Deutschland gewesen, ich habe meine Eltern, meine Schwester und meine best friend gesehen. Ich darf seit einigen Wochen offline Einzelkurse geben; ja, unglaublich, ich fahre ab und an zu einem CEO einer wichtigen Firma und freitags nachmittags in meine ‚Stammsprachschule‘. Mein Yogazentrum hat wieder auf. Die Stunde funktioniert wie die Schulstunden meiner Töchter: ein Teil der Teilnehmer*innen sind zu Hause am PC, der andere Teil sitzt in Präsenz zusammen. Ich habe meine Freundinnen getroffen, im Cafè, zum Spaziergang und mit einer besuchte ich eine Aquarellausstellung. Und Freunde kamen sogar zu uns nach Hause: Fussball gucken und (immer wieder!) Pizza essen. Ach ja, fast vergessen – die Skateboardbahn ist auch wieder offen. die Kleinste und ich waren bei einem ‚girls skate contest‘ und einmal zum Training. Menschen, kleinportioniert, gehen problemlos. Der Stadtaufenthalt in Mailand hat gezeigt, dass ich gar nicht mehr an viele Menschenmassen gewohnt bin, ich kam zwar happy aber auch reizüberflutet nach Hause.

Viel Arbeit gab’s auch. Viel Arbeit im Haushalt. Immer sind wir alle 5 daheim.Trotz Arbeit Zeit für Auszeiten. Meine geliebte Wiese hinterm Haus. Ich besuche sie einmal in der Woche. Keine Pusteblumen mehr, aber eine Mohnblumenshow am Wegesrand und die Grillen zirpen schon. Ein- oder zweimal pro Jahr kommt eine riesige Schafs- und Ziegenherde vorbei. Die Wiese steht nun kurz. Unter Woche ist sie deutlich leerer geworden, die Wiese, denn die Leute haben, seitdem die kalten Monate weiter gezogen sind, mehr oder anderes zu tun; ich habe Farben und die Luft, die Vogelstimmen, den Wind für mich. Einen Kuckuck gibt es. Das finde ich ziemlich ungewöhnlich. Wir wohnen in einer Siedlung am Großstadtrand mit Industriegebiet und Autobahnanschluss. Und dann darfst du dem Kuckuck zuhören und nicht nur dem Stadtkrach! Lustig. Ich radle auch. Mit dem Sohn haben wir neue Wege entdeckt. Und es tut so gut, sich ausgepowert zu fühlen. Ich habe in den letzten Wochen einen starken Bewegungsdrang entwickelt. Hier am Ort haben wir nette Fuss- und Radwege, auf Italienisch ‚piste‘ genannt. Nie aber werde ich vergessen, dass die im Herbst an Covid erkrankte Tochte noch im Winter nach 20 Minuten Spaziergang auf eben diesen Wegen total ermattet war und nur noch nach Hause wollte.

Geimpft worden bin ich. Die erste Dosis. Kurz vor Pfingsten. Wenn du in Italien nicht in die Kirche gehtst, bekommst du gar nicht mir, das Pfingsten ist. Kein freier Montag, keine Schulferien. Aber das ist okay, denn Anfang Juni beginnen hier die Sommerferien. Vorgestern waren die Töchter sichtlich entspannert. Am hellichten Nachmittag keine Hausis, sondern ein nerdiger Film, selbstgemachtes Eis, Modelliertonspass auf dem Balkon.

Manchmal gibt/gab es auch Bauchschmerzmomente. Mails von der Klassenlehrerin der Tochter zum Beispiel. Uff, die Versetzung, nun ja, es wird wohl Anfang September Nachprüfungen geben, bevor wir wissen, wie es Mitte September weiter gehen wird. Ohren anlegen und durch und denken, „das Kind werden wir schaukeln- sind ja schon über einige Wellen geritten in letzter Zeit!“

Auftakt Pandemie-Jahr Nummer zwei

Heute ist das Datum, an dem ich meinen persönlichen Corona-Jahrestag fest mache. Am 23. Februar ’20 kamen meine Familie und ich am späten Abend von einem Wochenendtrip aus Bardonecchia zurück. In dem italienischen Wintersportort waren wir noch mit unseren Verwandten im Abendgottesdienst gewesen – schon ohne Friedensgruss.

Während der Fahrt nach Hause liefen ununterbrochen Radioprogramme und Nachrichten füllten gnadenlos die Handys zu. Wir waren entstetzt, starr und verdattert und wussten, dass wir alle 5 am nächsten Tag (bis auf weiteres) zu Hause geblieben wären.

Eigentlich wollte ich einen längeren Text schreiben, aber mir hatte der Entwurf nicht gefallen. Ich stelle hier ein Gedicht ein. Wie es so war vor einem Jahr.

Enstanden ist es vor kurzem während einer Schreibnacht.

Balkongitterblumen sind Geranien

Balkongitterblumen sind meine Grenze

Allein die Luft ist nicht ausgangsgesperrt

Die Betrachtung und das Gespräch

mit den banalen Blümchen

– sie knospen, blühen, welken, geh’n-

bringen Bewegung in den Tag

die vielen Tage

neu zeitgerechnet

Einladung zur Lesung mit Musik

Es lohnt sich, die Veranstaltung zu hoeren. Ich war in den Genuss der ersten ‚Ausgabe‘ gekommen. Wunderbare Stimmungen werden kreiert.

FindeSatz

Lust auf kostenlose Kultur? Aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen wiederholen wir unsere Lesung mit Musik noch einmal. Es ist eine Reise durch die Monate und Jahreszeiten.
Die Veranstaltung wird über Zoom stattfinden und wieder wird es möglich sein, mit oder ohne Bild teilzunehmen.
Wer Lust hat, dabei zu sein, melde sich gerne unter meiner Mailadresse kontakt@werkstatt-freude.de an.

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Auf ein Neues und Auguri!

Auf ein Neues, liebe LeserInnen und FollowerInnen!

Ich erinnere mich sehr gut, dass ich Euch vor einem Jahr Fotos aus Ligurien gezeigt hatte. Ich war dort den Schwiegervater besuchen gewesen. Ihn habe ich jetzt genau seit einem Jahr nicht mehr getroffen, coronabedingt.

Also, nun, auf ein neues Jahr, dass wir hier gemeinsam durchleben und lesen werden! Möge 2021 Euch das bringen, was Ihr braucht und ersehnt. (Bei mir wäre es einfach mehr individuelle Bewegungsfreiheit und die Gelegenheit, endlich mal wieder nach Deutschland zu fahren.) Und einfach ganz viel Seelenwohl für uns alle!

Seid Ihr gut gerutscht? Meine Ankunft im Jahr 2021 verlief logischerweise im kleinsten Kreis, der mit der Familie verbrachte Silvesterabend endete mit einer Telefonkonferenz mit anderen drei Familien, um gemeinsam auf das, was kommen wird, anzustossen. Während den Weihnachtsfeiertagen bzw. -ferien wollte ich einiges tun, habe nicht alles geschafft, da mein starker Bewegungsdrang von den Regeln in der ‚zona rossa‘ erheblich eingeschränkt wurde. Jedoch habe ich etwas ganz Neues und Ungewöhnliches ausprobiert: Vollmondmeditation mit meiner Yogagruppe. Der perfekte Jahresabschluss.

Morgen beginnt der Alltag. Leicht fasziniert schaue ich auf die einzelnen Ferientage, bevor ich sie abhake, und wie sie von den verschiedensten Launen und Stimmungslagen durchquert wurden. Den Tiefpunkt könnte ich als ‚wunschlos unglücklich‘ beschreiben, die angenehmste Emotion als ‚hoffnungsreich froh‘. Und Ihr selbst so?

Ich denke, dass Schneebild aus dem herrlichen Park in Monza passt ziemlich gut zum aktuellen Mood.

Also, nun, auf ein Neues und passt auf euch gut auf!

ein Gastbeitrag und mein heutiger Samstagspaziergang

meine liebe followerin Elke hat mir gestern ein Gedicht zugeschickt, inspiriert durch die tollen #lyrimoWerke, und ich darf es hier einstellen…

Ich liefere ein paar Bilder dazu, die habe ich euch von meinem Spaziergang mitgebracht: eine kleine Portion Natur, im blog und auf twitter gerne als “ das Feld hinterm Haus“ beschrieben, die ich zu Lockdownzeiten sehr lieb gewonnen habe. Nicht schlecht für ein Leben am Rand einer Kleinstadt am Rand einer Grossstadt, nicht wahr?

Martini-Sommer im November

Sonne und Wärme locken mich aus dem

Homeoffice

Locken ohne Lockdown

Hellgrüne Spitzen von Getreide und Gras recken sich

in den blauen Himmel

Blühende Pflanzen stehen noch auf vielen Äckern

Wenn da nicht das bunte Laub auf den Bäumen

wäre …

Ich aber pflücke eine Sonnenblume und

Büschelschön für meinen Mann im Homepffice

#lyrimo november 2020, impuls nummer 17


Die Aufgabe lautete ein Akrostichon zu schreiben. Weiteres bei: https://lyrimo.wordpress.com/2020/11/16/dienstag-30-tage-30-gedichte-17/

Der Wecker braucht schon lange nicht mehr zu klingeln

Immer zu Hause

Erfassen, wie die Lage ausschaut

Nachmittagskaffee

Schüler, ja, aber nur noch online

Trott strategisch bekämpfen

Abends

Gesellige Familie

Aufschreiben der Gedanken aus dem wieder-im-Lockdown

Es soll Leute geben, die schreiben an einem Corona-Tagebuch. Ich schreibe ja auch gerne mal, aber tagtäglich sein Befinden, Erlebtes, Gedachtes oder all die Zahlen und Statistiken und politischen Ereignisse, die Kungebungen und Krawalle zu notieren, das wäre mir zu viel. So manches Detail darf vergessen werden, meine ich. Auf der anderen Seite nehme ich gerne Worte zu Hilfe, um zu berichten, was mit mir und um mich passiert: sich die eigene Journalistin sein. Zu Beginn des Monats November bot der lyrimo (s. Schlagwort-Wolke) an, die Dichterei (wieder)aufzunehmen. Oh ja, herzlich gerne! Bei Twitter habe ich erst vorvorgestern den Hashtag ‚Lockdownlyrik‘ entdeckt; nette Idee, dachte ich. Da steht jedoch ziemlich wenig drunter und ausserdem, meine Worte, die hinaus wollen, sind zu zahlreich, um sie ’nur‘ als Lyrik zu verpacken.

Ein Impuls beim lyrimo hiess „hinter dem Fenster wartet“. Und was kam mir spontan in den Sinn? „Hinter dem Fenster wartet die Ausgangssperre“, dachte ich mir. Ja, man lebt hier wieder in der zona rossa, ja, die Bewegungsfreiheit ist wieder eingeschränkt. Kein Schwiegervatertreffen in der Nachbarregion. Ein Deutschlandbesuchsversuch wurde verschoben. Das Viereck Mailand-Varese-Como-Monza gleicht Bergamo. In meinem Wohnort mit etwas mehr als 20.000 Einwohnern, zählte man vergangenem Mittwoch 502 positiv Getestete. Dazu viele Menschen, die nicht mehr leben. Der Gedanke, dass auch der eigene Mann… aber er ist daheim und erholt sich. Unsere eigene Covid-story wurde in der Samstagsausgabe der Lokalzeitung abgedruckt. Man muss darüber sprechen. Die ’negazionisti‘ passen mir absolut nicht in den Kram…Puh!

Resilienz ist ein Wort, dessen Bedeutung mir im Moment sehr wichtig ist. Darin übe ich mich gerade. Denn ich merke deutlich, dass ich auf empfindliche Weise zu empfindsam für diese Welt bin. Dennoch muss ich hier noch eine Weile aushalten.

Jeden Morgen entschlüpfe ich einer recht langen Nacht, denn niemand von uns muss früh raus. Jeder hat sein Pensum an Schule, Studium, Arbeit, jeder hat seine Freizeitaktivitäten. Der Supermarktbesuch wird zum Highlight. Manchmal ist es fast idyllisch hier: die PC summen vormittags (um elf Uhr macht das Gymnasium die Grosse Pause) und nachmittags; mittags und abends gemeinsame Mahlzeiten, je nach Gusto in kleineren Gruppen aufgeteilt Flucht in Fernsehserien oder Anime. Unterhaltsame Whatsappgruppen mit den besten Freundinnen zur Ablenkung. Ein lieber Extragruss an die Schreibweiber (s. Schlagwort-Wolke). Jeden Tag heulen hier Krankenwagensirenen. Jeden Abend gehe ich schlafen und fühle mich ‚tagesmüdekalt‘.

Noch stehe ich. Ja, das mag aufreisserisch klingen, aber die Lage in Italien ist wieder sehr dramatisch. Ich pass auf mich auf. Ich bewege mich, wenn ich Zeit habe. Ich war am Wochenende draussen, zum Spaziergang, auf den Wegen, die im Bereich des Erlaubten liegen. Hinterm Haus habe ich, eingeklemmt zwischen anderen Häusern und Einkaufszentrum mit Tankstelle und kleinen Industrien neben der Ausfallstrasse, ein paar Felder, Wiesen, Bäume und einen Rad- und Fussgängerweg. Ist das Wetter klar, sieht man die Alpen. Es liegt schon Schnee auf manchen Gipfeln. Der Spaziergang verjagt den Schwindel, der sich im Nacken fest gesetzt hat, ich schüttle mir die Schultern frei, simple Muskelverspannungen, weil zuviel vorm Handy oder Computer.

Ich nehme die kleine Tochter mit. Sie muss an die frische Luft, sage ich. Ich predige was von Kreislauf und so. Ich frage, wie es ihr geht, aber sie trägt Stöpsel mit ihrer Musik im Ohr. Zuckt nur mit den Schultern. Wir gehen schweigend. Die Pandemie scheint normal geworden zu sein. Am Tag davor ging ich den gleichen Weg mit dem Sohn, er vertraut sich mir an, sagt, dass die Eine, die ihm gefiele, mit dem Freund Schluss gemacht hätte. Er habe Hoffnung. Und wenn ich den Weg mit der anderen Tochter mache, wird es sehr gesprächig, sie braucht Trost, sie leidet an Verlusten: die Schule ist zu, die Theater-AG ist zu, die Klettergruppe auch, die Freundinnen sind unerreichbar.

So marschiere ich also mit meinen Körper durch die kleine Draussenwelt und meine Augen sehen der prachtvollen ‚foliage‘ zu, sammeln Bilder und das Hirn zählt Gänseblumen (im November?), vier riesige Pilze unter der Birke, einen verlassenen Abfallsack, eine verloren gegangene, zerknautschte Maske, zwei gelbe und einen weissen Schmetterling auf Blumen, deren Namen ich nicht kenne, drei Fussgänger und sechs Radfahrer, eine neue Baustelle, drei falsch geparkte Autos.

Die Luft ist frisch, unter den Bäumen ein bisschen modrig, aber auch das ist angenehm. Das Feld ist leer geerntet, doch weiter hinten, abseits der Traktorspuren ein paar Büschel, grün, als ob es Frühling sei. Im Oktober weidete hier eine grosse Schafs- und Ziegenherde. Die Ziegen waren auf die Bäume geklettert. Da sah ulkig aus.

Im Zuhause fiel mir ein, dass ich Kerzen suchen sollte, da heute im Raum Mailand der erste Advent ist. Sechs Wochen bis Weihnachten. Die kleine Tochter freut sich, die mittlere Tochter hat Vanillekipferl vorbestellt.

Dann ist Montag geworden. Doppelten Milchkaffee. Der frühe Acht-Uhr-Schüler war schon online.

Pian pianino. Schön langsam. Murmele ich. Neues Mantra mit dem ich durch den Alltag drifte.

Nach(DemLockdown)Wort

Das Aneinanderreihen von Wörtern, um vom aktuellen Leben zu schreiben.

Einiges hat sich angesammelt.

Da sind Lockerungen und mehr Bewegungsfreiheit.

Anfang Mai das erste Mal seit Wochen die Haustürschwelle übertreten und hinaus getreten. Die Treppe hinuter, es geht geht bergauf. Raus aus dem Schneckenhaus-Haus der Ausgangssperre und einen Spaziergang gemacht. Grosse Überraschung: Auf wundersame Weise ist es Sommer geworden. Warm. Sonnig und blau. Sehr luftig. Leicht grau der Himmel, nur wenn die schwüle Luft steht und es regnen sollte.

Grosse und kleine Inhalte, die ich teilen möchte: Ein Schuljahresende mit anstehenden Prüfungen. Die Kanditatin hat sich aber schon längst innerlich von Lust auf Lernen, Motivation, der Mittelschule, den LehrerInnen, ihren KlassenkameradInnen  verabschiedet.  Den vierzehnten Geburtstag ohne die eine Freundin -wegen Corona, sagte die mamma-  trotzdem nett gestaltet. Bald  noch ein siebzehnter. Morgen Geschenke besorgen gehen. Ein bestandenes Uniexamen nimmt die Bedeutung eines persönlichen Sieges über die ‚quarantena‘ an. Ein absehbares Ende der Kurzarbeit.  Wiedereröffnung meines Hauptarbeitsplatzes. Der Geschäftsführer schickt whatsapp-Bilderchen von Plexiglassschutzwänden und  – ach ja – bezahlen konnte er auch.

Andere  Menschen treffen, andere Menschen als nur die eigene Familie, Hausmitbewohner, Supermarktangestellte, die Metzgereifachverkäuferin mit der ich per Du bin, den Apotheker, die Lieferanten online bestellter Ware. Andere Menschen, meine Freundinnen, im Cafè, in der Fussgängerzone und im ‚parco di Monza‘. Sich den Lockdown von der Seele reden. Sich nicht umarmen können, fällt uns extrem schwer.

Weniger Stille trendet. Laut ist es geworden. Noch nicht so laut wie zu prä-Corona-Zeiten. Aber jetzt weckt mich der Verkehr, nicht mehr der Morgenvogel. Mit Unglauben sogar im Stau gestanden, Freitag ist es gewesen. Alle hatten die Fenster herunter gekurbelt und im Kreisverkehr hinter den Mund-Nasen-Schutz-Masken schimpfte man sich gegenseitig aus. In meinem Auto läuft der Motor mit im Februar getanktem Benzin.

Spass machen, so richtig, macht’s noch nicht. Das Hinausgehen. Trügerisch. Zu viele Menschen auf einmal meiden. Überall Sicherheitsprotokolle (paradox: es ist gemütlich Daheim!). Gut ist es, wenn du weisst, was dir gut tut, was du dir zutraust, ohne in Alarmbereitschaft zu geraten. Das den grossen Kindern mit auf den Weg geben, wenn sie losziehen und am sozialen Leben Gefallen finden. Freundschaften, sie sich endlich wieder treffen dürfen. Die kleine Tochter will noch nicht vor die Tür. Jedoch will sie kurze Haare. Und fast täglich liegt sie mir im Arm, wenn wir Anime angucken. Habe mich in ihre Welt entführen lassen. Phantasie ist ein gutes Beruhigungsmittel.

Auch wenn die Welt draussen offen steht, nach wie vor vermehrt im Netz unterwegs. Wenigere Meldungen über das desolate Italien in den Schlagzeilen und in meiner persönlichen social-Welt spürbar verbesserte Stimmung. Kochrezepte haben mehr Süße. Aufnahmen von der Natur und Krabbelgetier, Pflanzen und Blüten und ganz viel Meer und unbewölkter Himmel, neue Wanderwege. Mit einer Internetfreundnin Wettrüsten um unsere Balkonzucchini.

Italien hat in diesen Tagen sein Meer, seine Berge und Parks geöffnet. Und auch die Grenzen zwischen den Regionen. Wir haben Pläne geschmiedet und einen Ausflug gewagt. Ein Schatz, dieser Tag. Mit Picknickrucksack die Treppe hinuter gegangen. Es geht bergauf.

 

 

Mein unsriges Ziegelsteinhaus

Zustandskontrolle.

Die Stadt macht wenig Krach. Die Familie macht mehr Krach. Zuerst ein Blick nach Innen. Immer noch jener Druck, dumpf, nicht akut. Und leichter als gestern. Durchatmen? Geht… fast einwandfrei. Fast fluide. Erleichtert.

Halbschlaf ausnutzen. Beide Augen zudrücken. Dem Vogelgesang zuhören, nicht der Familie jedoch, sich noch nicht konzentrieren können, müssen. Noch ein bisschen alleine sein mit mir will ich.

Aufgestanden. Milchkaffee, den gebeugt über Buch schlürfend und extra angelieferten Keksen,  glutenfrei, und ein ehrliches „Buongiorno, come state?“ in die Familienrunde.

Dann Diverses im  Haushalt und Waschvorgänge: Körperhygiene erledigt wie auch Waschmaschine und Spülmaschine.

Der Tatendrang ist träge. Das Gemüt ist ergraut. Gute Laune aus purem Trotz. Marke Eigenbau. Optimismus versus Ausicht auf eine sich düster abzeichnende Perspektive.

Hoffnungsfroh war gewesen. Zu Ostern. Zur Zeit eher Ärger bis tief in die angespannten Schultermuskelfasern. Ein bisschen Gymnastik. Auflockerung. Hoffnungsfroh war einmal. Hm. Wobei… Falsch. Denn es gab sie, es gibt sie noch, jene lichthellen Momente. Augenblicke. Momentblicke. Und Erinnerungsblicke an eilfertige, anscheinend sinnvollere Tage. Gedanken an das Danach, auch wenn wankelmütig. Danach einen Blick aufs Handy. Virtuell ist trendy.  Liebevolle Lebenszeichen, Nachrichten und Nachfragen stimmen mich heiter, wühlen mich auf, rühren mich.

Blicke gelten auch dem Weltgeschehen. Unser Fernseher ist so gross wie ein Einzelbett. Apokaltisches Klima in den mass media. Hagel schlägt ein in Form von Zahlen, Statisken, Reportagen.  Kampfgeist aktivieren und sogar ein Kriegsbeil ausgraben. Krieg dem Virus! (Bitte, behutsam sein mit der Sprache! Aber die Sprache draussen hat sich verändert.) Das Virus hat, supermegahöchstwahrscheinlich, meine Familie, seit ein paar Wochen unter Beobachtung stehend und umsorgt vom Amt, durchseuchtet. Krasses, neu erworbenes Tunwort. Das andere Verb, in Futurform, ‚andràtuttobene‘ wird nicht aufgehen. Meiner Meinung nach, jedenfalls, stimmt’s nicht – mehr. Zu viele Unstimmigkeiten und Unwissenheiten und Unorientierung im dichten Expertendschungel. Vorvorgestern voll verloren im Politik(er)dickicht.

Arbeiten gehen. Online. Zwei Schulen haben noch Arbeit, die Rechnungen liegen auf Eis. Schüler auf der Plattform: Donnerstags treffe ich stumme Teenies, weil schüchtern. An den sonstigen Tagen mache ich auf mich absurd wirkende  Grammatik und Sprechfähigkeitsförderung mit stummen, weil verängstigt, Erwachsenen während ihres Homeofficefeierabend.

Tagtätglich vorwärtsgerichtet denken. Eine 24-Stunden-Einheit nach der anderen  organisieren und bewerkstelligen. Zu fünft duchhalten, das können wir! Kleinigkeiten unterstreichen. Den Tisch ordentlich decken, gemeinsam, gemeinsam Mahlzeiten einnehmen, gemeinsam Ordnung halten; dem Einkaufsengel eine Liste schicken, sich vom Eisdielenlieferservice verwöhnen lassen und der freundlich modulierten Stimme vom Covid-19-Büro sagen:“Sechsunddreissig Komma acht. Ja, dann, bis morgen“ Für den Abend demokratisch den gemeinsamen Film abstimmen, zwischendurch Spiele, ein Puzzle abgestaubt. Puzzeln hat was von Teambuilding. Den Tag leben. Für manche Momente sogar nach draussen:

Frische Luft! Welche Farbe hat frische Luft? Sonne. Gerade sehr viel Sonne. Licht. Trockenheit. Der Südwestbalkon wurde über einer Sackgasse aufgehängt. Zu einer Zeit, als ich mir noch gar nicht vorstellen konnte, hier einmal zu leben. Wohnviertelpanorama mit bunter Bepflanzung im Vordergrund.  Mittagsblumen, Geranien, Jasmin, Affenschwanz. Redet Ihr auch mit den Pflanzen? Setzlinge pflegen. Dort, wo die letzten geparkten Autos stehen: Die Sackgasse führt in ein Feld. Dieses, so ganz ohne den Bauern, sehr müßig, grün, mit Pusteblumen schon. Ist die Luft rein, erscheint ein Gebirge im Norden. Geht der Wind wird  der Balkon zu einer Schiffsreling, man könnte durch kniehohes Gras zu den Bergen schwimmen.

„Mamma, come stai? Ho preso un sette in latino“ Sei umarmt, meine Liebe! Wie tapfer du bist.  Heute ist dein Namenstag. Die eine Tochter zählt mit ihren Schulkameradinnen die Tage. Jeden. Einzelnen. Wir erzählen uns uns. Menschen erzählen mir, wie es ihnen geht, so wie ich auch ihnen erzähle, wie es mir gehe.

Die eine Tochter zählt mit ihren Schulkameradinnen die Tage. Ich versuchte sie hiermit in Worte zu fassen.

 

 

von Mut und Sonne und Tulpen auf dem Balkon

Bei Sargatanasal fand ich diesen Beitrag, der mir richtig gut getan hatte, denn die Worte haben auf positive Weise meine Gefühlslage verstärkt: https://sargantanasal.com/2020/04/02/automatisch/

Ihr Text geht auf folgendes Werk zurück:

 „Der Mutschöpfer“ von Thomas Rosenlöcher:

Der Mutschöpfer

Er steht im Hof und sieht die Weltgeschichte
Die geht voran und immer wieder schief
und wieder heißt es: Vorerst noch verzichte
bis kommt, was doch kommt, sagt er, atmet tief

steht ja im Hof, und wendet das Gesicht,
da dicht am Zaun das krause grüne Leben
der Sträucher anfängt, sich erneut zu regen
und Krokus zart die Erde bricht

Und öffnet voller Staunen seinen Mund
dass unversehens die liebe Sonne schrägt
vorbei an der Dachkante, durchs Geheg

der Zähne, zwei, drei Strahlen auf den Grund
der Kehle schickt. Lichtschluckend schöpft er Mut
als käme die Zeit und alles würde gut.

 

Und auch ich habe mich inspirieren lassen wollen….

Ich gehe auf dem Balkon, die Fliesen alt, die Ziegelmauer ist duftend warm, das Geländer rostbraun. Ich stehe auf dem Balkon und höre klassische Musik aus dem Netz und betrachte meine kleine Welt.  Blumenkästen mit Tulpen und Narzissen, eine Strassenkreuzung, Wohnhäuser, Gärten mit Bäumen mit Blüten. Der Abend darf kommen, das Licht ist hellorange, auch die Uhr lädt ihn ein. Mit geschlossenen Augen können meine Ohren sich besser konzentrieren auf fröhliches Hühnergeschwätz, dichten Vogelgesang, Hundegebell, Kirchenglocken, und auf die Stimmen der  Nachbarn, die in eine Sprache reden, die ich nur gelernt habe. Muss sie nicht immer verstehen. So wie ich nicht immer alles wissen und verstehen muss, was  sich jenseits der Kreuzung abpielt. Nur noch einen Moment, ich atme den Frühling ein und alte Luft aus. Schonung für Körper und Seele. An den Schutzengel denkend wende ich mich zurück, ins Haus, und bin überzeugt, es wird anders sein, jedoch, alles wird gut.